Der Kaiserschnitt – ein Einschnitt in mein Leben

Ich war in einem Geburtsvorbereitungskurs und überzeugt, dass ich dann unter der Geburt wissen würde, was ich tun könnte und was mit mir passiert. Über Kaiserschnitt wurde nicht gesprochen, so als wenn es ihn nicht geben würde. Mir war das damals recht, ich war im Widerstand mit Kaiserschnitt, sicher nicht mit mir!
Als die Geburt begann, merkte ich schnell, dass ich so gar nicht wußte, was ich tun konnte oder sollte. Ich war eine einzige ÜBERFORDERUNG.

Ich wußte nicht wie ich atmen sollte, wie mich bewegen, die Dinge wie Badewanne wurden mir – bereits im Krankenhaus angekommen – verweigert. Die Hebamme ließ mich einfach alleine und da war ich nun sehr schnell am Ende meiner Weisheit. Ich tigerte bekleidet mit einem Krankenhauskittel und dämlichen Einmalpatschen (meine Identität hatte ich spätestens dort abgegeben) in einem kleinen Kreiszimmer herum, war geplagt von Erbrechen und unglaublichen Schmerzen. Gefühlt alleine, da war keiner, der mich unterstützen konnte.
Mein damaliger Mann verständlicherweise überfordert, Hebamme nicht interessiert, sonst keiner da, nur der Arzt, der mir prophezeite, wie lange es noch dauern würde: mindestens 12 Stunden!! Das war genau das, was ich hören wollte und unglaublich motivierend!
Und da waren dann noch diese unerträglichen Untersuchungen des Muttermundes und dieses ständige Liegen beim CTG und daher ganz bald die Bitte, die laute, eindringliche Bitte nach einer PDA. Meine Angst, dass ich dann nichts mehr spüren würde, wenn mein Kind geboren wird, wird verneint. Eigentlich wollte ich nie eine PDA……und dann endlich ein bisschen Schlaf…..und ein Ultraschall später die Entscheidung zum Kaiserschnitt? WIESO, WAS IST JETZT PASSIERT? Das waren meine Gedanken. Die Hebamme spricht leise zu mir: „Na, ja, man sieht im Ultraschall die Augen ihres Kindes, ein Sternengucker“ „Und“? frage ich. Man könne schon noch was machen, sagt sie dann und dann gleich, dass dies der Herr Doktor zu entscheiden hätte. Der Herr Doktor kommt und entscheidet gleich, es wäre jetzt einfach besser einen Kaiserschnitt zu machen. Man(n) diskutiert noch über die Höhe des geplanten Schnittes, um sie beim Tragen des Bikinis nicht zu sehen. Ich fühle mich jetzt schon wie ein Stück Fleisch, ein Objekt, das bewertet wird, nach der Höhe des Schnittes. Was in mir vorgeht, das hat hier keinen Platz.
Die PDA wird nachgestochen, ich spüre meine Beine nicht mehr….ich werde ausgezogen und für den OP vorbereitet. Ich werde zur OP-Schleuse gebracht und denke mir noch, welch Glück, dass ich im Krankenhaus gearbeitet habe und wenigstens ungefähr weiß, was mit mir passiert. Aber dass ich mich selbst aufgrund der notwendigen hohen Gabe der PDA nicht bewegen kann und so nicht auf die Schleuse komme, dass ich unkontrollierbar zittere, dass ich totale Angst habe weil ich alleine bin, dass ich nicht weiß, wie mein Kind auf das Anästhetikum reagiert, dass ich nicht weiß, wo mein Kind dann hinkommt, wo mein damaliger Mann genau ist….das wusste ich alles nicht und darauf wurde ich nicht vorbereitet.
Im OP alles Routine, tausende von Frauen sind hier schon vor mir gelegen…alles wird angeleitet aber ich höre es kaum…die Geburt selbst empfinde ich wie ein „Herausreißen“, mein Körper wackelt hin und her, ich werde ENTBUNDEN und kann nichts dazu beitragen. Und dann ist mein Sohn geboren, er wird mir kurz von der Seite gezeigt…..ich habe unglaublichen Stress, dass er alleine sein könnte und bitte meinen damaligen Mann ihn ja nicht aus den Augen zu lassen und bei ihm zu bleiben.
Ich werde genäht, unendliche 40 Minuten lang. Ich bin wie auf Droge aber verdammt schlechter Stoff. Ein Sandsack wird auf meinen Bauch gelegt…mehrere Infusionen hängen an mir und diese ständige Sorge und Angst, wo mein Sohn ist und wie es ihm geht. Kein BONDING mit mir, die ihn 9 Monate im Bauch getragen hat, gebondet wahrscheinlich auf den Gynäkologen oder doch den Kinderarzt? Dass mein damaliger Mann bei ihm ist, beruhigt mich zwar in gewisser Weise aber trotzdem vermisse ich meinen Sohn unendlich.
ICH sollte bei ihm sein, er sollte nackt, wie er aus mir herauskam auf meinem Bauch liegen, die Möglichkeit haben, die Brust zu suchen…..
Ich liege nervös und unruhig im Aufwachzimmer, die Schmerzen beginnen, ich kann mich nicht bewegen, mir wird Schmerzmittel angeboten, alles gehe eh nicht in den Kreislauf des Kindes….Ich verweigere und dann endlich kommt mein Sohn, ANGEZOGEN. Endlich kann ich ihn anlegen aber ich habe keine Hilfe, ich weiß nicht, wie man die Brust wechselt und ziehe meinen Sohn einfach von der Brust und die Brustwarze blutet sofort. Ein Schmerz mehr, denke ich, auch schon egal. Dann endlich komme ich auf die Station, mein Sohn liegt in seinem Bettchen. Ich versuche das erste Mal aufzustehen, es ist die Hölle. Ich habe das Gefühl, dass mir der Bauch hinunterfällt, leer, entbunden, nicht geboren.
Und die unsagbaren Schmerzen, die Tränen rinnen und die Verzweiflung, es einfach nicht geschafft zu haben und meinen Sohn alleine gelassen zu haben. Ich verweigere weiterhin jedes Schmerzmittel und stille weiter. Wenn das gebären schon nicht funktioniert hat, dann soll das jetzt wenigstens funktionieren. Und das tut es auch: ich habe endlich wieder etwas in der Hand, das ich bestimmen kann und das ich machen kann.
Die Tage vergehen und ich komme nachhause mit meinem Sohn. Die Narbe ist über 1 Jahr lang „gestört“. Wenn ich darüber streiche, dann habe ich ein taubes Gefühl.
Ich arbeite meine Geburt auf, es dauert, bis ich es akzeptieren kann und verstehen, was da mit mir (uns) passiert ist und kann heute, fast 9 Jahre später sogar Dankbarkeit dafür empfinden weil es mich zu einer stolzen Kaiserschnittmama gemacht hat und mir die Möglichkeit gegeben hat, heute andere Mütter in ihrer Aufarbeitung zu begleiten. DANKE an meinen Kaiserschnittsohn!

2 Gedanken zu „Der Kaiserschnitt – ein Einschnitt in mein Leben

  1. Hallo, hatte vor 12 Jahren sekundären KS. Im Nachhinein bin ich dankbar, dass es KS gibt. Vor einigen Jahrzehnten hätten mein Kind und ich aufgrund der geburtsunmöglichen Lage wahrscheinlich nicht überlebt. Eine schöne Geburt war es allerdings nicht :(

    1. Liebe Birgit, ich bin auch froh, dass es den KS gibt, weil manchmal ist er die einzige Möglichkeit zu gebären, wie du auch schreibst. Ich finde es nur sehr schade und es begegnet mir in meiner Praxis immer wieder, dass ein KS lediglich aufgrund der Zeit oder anderen „relativen“ Gründen gemacht wird und es viele Frauen daher sehr unvorbereitet trifft. Ich denke, dass bei der Entscheidung Entbindung im Krankenhaus auch die Auseinandersetzung mit dem Kaiserschnitt unbedingt dazu gehört.

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